8 Erziehungsmethoden im Vergleich

„Eltern werden ist nicht schwer, Eltern sein dagegen sehr!“ Dieser Stoßseufzer entspringt vielen Erziehungsberechtigten, die mit der Erziehung ihres Kindes überfordert zu sein scheinen. Wie verhalte ich mich, wenn der süße Fratz in die Trotzphase gekommen ist und nie das tut, was Mama und Papa von ihm erwarten? Besonders junge, unerfahrene Eltern sind von den zahlreichen Tipps zur Kindererziehung, die sie aus den Medien und von den eigenen Eltern und Freunden erfahren, total verunsichert. Wie soll ich mein Kind erziehen? Soll ich streng sein, ihm feste Zügel anlegen oder soll ich weitgehend seine Wünsche berücksichtigen? Mit welchen Erziehungsmethoden lasse ich mein Kind zu einem selbstbewussten, zufriedenen und emphatischen Menschen heranwachsen?

In jeder Generation prägten bestimmte Erziehungsstile das Verhalten der Eltern zu ihren Kindern. Viele sind inzwischen veraltet. So ist die Prügelstrafe nicht nur verpönt, sondern sogar ein Straftatbestand. Aber welcher Erziehungsstil am effektivsten ist, darüber scheiden sich die Geister. Bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein herrschte der autoritäre Erziehungsstil in der Familie. Heute scheint sich die demokratische Erziehungsmethode mehr und mehr durchzusetzen. Aber welche Erziehungsstile gibt es überhaupt? Welche Vor- und Nachteile weisen sie auf?

 

Der autokratische Erziehungsstil

Unter dieser Erziehungsmethode mussten unsere Vorfahren leiden. Die Vertreter dieses Erziehungsstils gehen davon aus, dass das Kind eine starke Hand braucht, damit aus ihm ein aufrechter Erwachsener wird. Jegliche Eigeninitiative des Sprösslings wird unterdrückt, jeder Anflug von Selbstständigkeit durch strenge Regeln und Verbote unterbunden. Fehler werden bestraft, positive Verhaltensweisen hingegen kaum honoriert. Das Kind hat keinerlei Mitspracherecht und keine Entscheidungsfreiheit.

Vorteile Nachteile
Die Vorteile sind für die Entwicklung des Kindes nicht erkennbar. Für die Eltern ist der Erziehungsstil durch Zucht und Ordnung leicht, denn sie brauchen keinen Widerstand durch ihr Kind zu erwarten. Der autokratische Erziehungsstil ist heute weitgehend verschwunden. Durch die strenge und einengende Hand der Erziehungsberechtigten kann das Kind kein Selbstwertgefühl und keine eigene Persönlichkeit entwickeln. Der durch den autokratischen Erziehungsstil geformte Erwachsene fällt entweder durch Minderwertigkeitsgefühle und durch autoaggressive Verhaltensweisen auf oder er neigt zu aggressivem Verhalten gegenüber Schwächeren.

 

Der autoritäre Erziehungsstil

Strenge Regeln, konkrete Anordnungen, ein System aus Strafe und Belohnung dominieren diesen Erziehungsstil. Die Erziehungsberechtigten bestimmen, was zu tun und was zu unterlassen ist. In dieser hierarchischen Struktur, bei dem der Vater oft eine dominante Rolle spielt, haben die Kinder so gut wie kein Mitbestimmungsrecht. Ihre Wünsche und Bedürfnisse werden kaum berücksichtigt.

Vorteile Nachteile
Wie beim autokratischen Erziehungsstil sind hier kaum positive Auswirkungen auf das Kind erkennbar. Allerdings erfährt es durch die festgelegten Regeln und Verbote eine gewisse Sicherheit. Wie beim autokratischen Erziehungsstil werden die Kinder nicht zur Selbstständigkeit erzogen. Kreativität und Fantasie werden nicht gefördert, da die Eltern die Aktivitäten der Kinder bestimmen. Das Kind kann kein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln. Durch die Einschränkung der persönlichen Entwicklung können später aggressive und egozentrische Verhaltungsweisen auffallen oder es entwickeln sich Depressionen und Minderwertigkeitsgefühle.

 

Der antiautoritäre Erziehungsstil

Der antiautoritäre Erziehungsstil ist das Gegenteil der autoritären oder gar autokratischen Erziehung. Seit Beginn der Studentenbewegung ab 1968 wurde der autoritären Kindererziehung, die Verbote und Strafen zur Grundlage hat, eine Erziehung ohne Zwänge entgegengesetzt. Antiautoritäre Erziehung bedeutet jedoch nicht, dass das Kind überhaupt keine Grenzen kennenlernt. Es erfährt diese jedoch nicht durch Verbote und Strafen, sondern durch eigene Erfahrungen. Die Kinder erlernen Selbstvertrauen und erfahren Wertschätzung, erleben einen großen Spielraum für eigene Entscheidungen ohne Gängelung durch die Erziehungsberechtigten. Die Kinder lernen, selbst Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen.

Vorteile Nachteile
Die Persönlichkeit des Kindes, das Selbstvertrauen und die Entscheidungsfreiheit werden gefördert. Durch die angstfreie Erziehung entwickelt sich das Vertrauen in die eigenen Stärken. Kreativität und Fantasie werden gestärkt. Das Kind fühlt sich angenommen und wertgeschätzt. Dieser Erziehungsstil wird oft mit dem Laisser-faire-Prinzip gleichgesetzt. Es wird befürchtet, dass diese, ohne Grenzen aufgewachsenen Kinder, zu Egoisten heranwachsen. Antiautoritäre Erziehung ohne Grenzen kann auch dazu führen, dass die Grenzen anderer nicht akzeptiert werden.

 

Der demokratische Erziehungsstil

Der demokratische Erziehungsstil zeichnet sich dadurch aus, dass das Kind den Eltern nicht untergeordnet ist, sondern gleichberechtigt mitentscheiden kann. So wird das Kind zur Eigeninitiative und Selbstständigkeit erzogen. Die Eltern erteilen keine Befehle, sondern unterbreiten Vorschläge, die die Wünsche aller Beteiligten berücksichtigen. Die Basis ist also nicht Befehl und Gehorsam, sondern Kommunikation und Vertrauen.

Vorteile Nachteile
Durch die Akzeptanz und Liebe, die das Kind durch die Eltern erfährt, entwickelt sich ein stabiles Selbstvertrauen. Durch die emotionale Ausgeglichenheit und den Glauben an die eigenen Fähigkeiten kann sich später eine große Leistungsbereitschaft entwickeln. Das Vertrauen, das das Kind durch die Eltern erfahren hat, überträgt sich auf andere Menschen. Das Praktizieren des demokratischen Erziehungsstils kann hin und wieder zeitraubend und lästig sein, denn die Eltern befehlen nicht, sondern diskutieren mit dem Kind. Aber ist das wirklich ein Nachteil?

 

Der egalitäre Erziehungsstil

Dieser Erziehungsstil ist die Steigerung des demokratischen Erziehungsstils. Hier sind Eltern und Kinder völlig gleichberechtigt. Eine Hierarchie fehlt vollständig. Wichtige Entscheidungen werden nicht nur mit den Kindern besprochen – sie werden zusammen mit den Kindern festgelegt. Eltern und Kinder unterliegen gleichen Rechten und Pflichten.

Vorteile Nachteile
Da die Kinder keiner Hierarchie unterworfen sind, entwickeln sie ein hohes Maß an Selbstbewusstsein, Eigeninitiative und Selbstverantwortung. Diese Verhaltensweisen kommen ihnen besonders im späteren Berufsleben zugute. Durch die vollständige Gleichberechtigung mit ihren Eltern lernen die Kinder oftmals nicht, dass es im Leben auch Regeln gibt, die im Interesse aller befolgt werden müssen. Viel Zeit und Geduld ist erforderlich, um zu einem einvernehmlichen Ergebnis zu kommen.

 

Der Laisser-faire Erziehungsstil

Bei dieser übersteigerten Form des antiautoritären Erziehungsstils fallen die Eltern durch ihre Passivität auf. Das Kind bleibt sich weitgehend selbst überlassen. Es erfährt keinerlei Orientierung und Sicherheit. Der stabile Rahmen, der eine verantwortungsvolle Erziehung ausmacht, fehlt völlig. Die Eltern scheinen kein Interesse an der Entwicklung ihres Kindes zu haben. Oftmals besteht der Verdacht der Vernachlässigung.

Vorteile Nachteile
Vorteile scheint es nur für die Eltern zu geben, denen die Erziehung ihres Kindes völlig egal ist. Kinder, die im Laisser-faire Stil „erzogen“ wurden, werden später erhebliche Beziehungsschwierigkeiten haben. Ihnen fehlt das Gefühl für Nähe und Distanz. Durch die emotionalen Defizite während ihrer Kindheit werden sie später große Schwierigkeiten haben, sich anzupassen.

 

Der negierende Erziehungsstil

Hier scheint nicht einmal im Ansatz eine Erziehung vorhanden zu sein. Die Erziehungsberechtigten haben kein Interesse an der Erziehung ihres Kindes. Es erfährt keinerlei Regeln, keinen Erziehungsrahmen, keinen Halt, an dem es sich orientieren kann. Die emotionale Bindung scheint völlig zu fehlen. Erziehung findet hier weitgehend durch die Umwelt statt.

Vorteile Nachteile
Ein Vorteil ist nicht erkennbar. Das Kind erfährt keinerlei Selbstwertgefühl. Es wächst völlig orientierungslos auf, ohne Halt und familiäre Geborgenheit. Die Gefahr der seelischen Verwahrlosung ist groß. Später wird der Mensch, der einen negierenden Erziehungsstil erfahren hat, Schwierigkeiten mit den Beziehungen zu anderen Menschen haben. Die Gefahr, später an einer Suchterkrankung zu leiden, ist groß.

 

Der permissive Erziehungsstil

Der permissive Erziehungsstil ist eine Form der antiautoritären Erziehung und eine mildere Variante des Laisser-faire-Stils. Auch hier sind die Kinder sich weitgehend selbst überlassen. Da sie Anregungen durch die Eltern vermissen und sie ihre Bedürfnisse selbst äußern müssen, sind sie aufgefordert, Eigeninitiative zu ergreifen. Das fördert zwar ihre Selbstständigkeit, lässt sie jedoch oftmals völlig überfordert zurück.

Vorteile Nachteile
Im Gegensatz zum Laisser-faire Erziehungsstil werden den Kindern wenigstens hin und wieder Grenzen gesetzt. Kinder, die permissiv erzogen wurden, können später unter Beziehungsschwierigkeiten leiden. Sie vermissen den Halt, die Orientierung, die ihnen die Eltern geben sollten. Sie vermissen vor allem die emotionale Bindung, die für die spätere Entwicklung erforderlich ist.

 

Der flexible Erziehungsstil – die richtige Erziehung?

Sie haben in diesem Artikel verschiedene, völlig entgegengesetzte Erziehungsstile kennengelernt. Aber was ist nun die richtige Erziehung? Dass der autokratische und autoritäre Erziehungsstil eher kontraproduktiv für die positive Entwicklung unseres Kindes ist, scheint inzwischen Konsens zu sein. Was sollte die Erziehung bewirken? Ziel ist: Unsere Kinder sollen sich zu selbstbewussten, eigenständigen, kritischen und fröhlichen Menschen entwickeln. Der demokratische Erziehungsstil scheint diesen Zielen wohl am ehesten entsprechen. Manchmal sind jedoch lange Diskussionen mit unseren Kleinen eher kontraproduktiv, denn es sind hin und wieder klare Ansagen erforderlich, besonders dann, wenn es um Gefahrenabwehr geht. Grenzen sind in der Erziehung erforderlich. Sie müssen jedoch für die Kinder erklärbar und nachvollziehbar sein. So ist der flexible Erziehungsstil starren Erziehungsmethoden vorzuziehen. Freiheit und Selbstständigkeit so weit wie möglich, aber manchmal sind konkrete Anordnungen hilfreich.

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